TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Neuköllner

„Es gibt kein Interesse, die Lage der Roma zu verbessern“

1. Juni 2011
Von Fabian Stark

Die Mär vom lustigen Zigeunerleben wütet noch in vielen Köpfen – wenn kein Bild von Dieben, Gammlern, Wanderern. Slavisa Markovic, Gründer des Rroma Aether Klub Theater in Berlin-Neukölln, über Klischees und Kultur der Roma.

Verschwiegen sollen sie sein, sehr arm und immer auf Wanderschaft – so stellen wir uns Roma vor. Kann das der Wahrheit entsprechen?

Verschwiegen sollen sie sein, sehr arm und immer auf Wanderschaft – so stellen wir uns Roma vor. Kann das der Wahrheit entsprechen?

Das Volk der Roma zog im Mittelalter aus Indien nach Europa, die deutsche Untergruppe, die Sinti, lebt seit 600 Jahren hier. Die weltweit zehn Millionen Roma sind ein Volk ohne Nation und darum leicht Opfer von Verfolgung: So unter dem Diktator Ceausescu in Rumänien, Tito in Ex-Jugoslawien oder Hitler in Deutschland. Bis heute hat sich wenig verändert. Erst letzten Herbst befahl der französische Präsident Nicolas Sarkozy die Räumung von Roma-Lagern, und auch in Deutschland folgt der Hass alten Fährten: Die Bürger des saarländischen Lebach veranstalteten im August 1990 eine "Zigeunerhatz" gegen ein überfülltes Asylanten-Lager, auch in Hagen, Bremen und Essen bildeten Leute nach der Wende Bürgerwehren. Trotz den Erfahrungen aus der NS-Zeit sind Vorurteile offenbar nicht einmal tabu.

Der Rom Slavisa Markovic flüchtete 1998 aus dem heutigen Serbien nach Berlin und arbeitete in diversen Roma- und Flüchtlingsprojekten, bis er 2006 mit seinem Bruder Nebojsa das Rroma Aether Klub Theater gründete, eine Mischung aus Café und Theater in Berlin-Neukölln.

Ich habe die Redaktion gefragt, was ihnen in den Kopf kommt, wenn sie "Roma" hören: Zirkus, Parallelgesellschaft, verschwiegen, sehr arm, Wanderschaft, Vampire, Freiheit und "in den Tag hinein leben". Was meinen Sie dazu?

Wir haben lustigerweise auch ein Stück mit dem Namen "Zirkus" gemacht. Was in der Gesellschaft mit Roma passiert, ist ein Zirkus. Die ganze Gesellschaft ist ein Zirkus, eine Art Show-Business – unabhängig davon, welches politische System herrscht. Viele verbinden das mit Roma, sogar mit deren Kultur oder Tradition, doch wir sind nur Teil dieses Zirkus. Auch der Film "Schwarze Katze, weißer Kater" von Emir Kustrica spielt in einem echten Zirkus. Aber dort ist die damalige Situation von ganz Serbien dargestellt, für die sind Roma weder verantwortlich, noch Täter, sie sind ein Teil davon. Das muss man kapieren.

Dann kam "Parallelgesellschaft".

Eine alte Phrase von Politikern. Wenn man parallele Gesellschaften sucht, kann man sie finden. Es gibt so viele deutsche Eckkneipen oder türkische Vereine, die auch Parallelgesellschaften sein können – je nachdem, welches Bezugssystem man hat. Meiner Meinung nach gibt es jedenfalls kein Interesse, die Lage der Roma zu verbessern. Wenn, dann ist das nur plakativ oder um staatliche Strukturen zu finanzieren, durch verschiedene Projekte, die in der Praxis sehr wenig mit der Realität zu tun haben.

Also immer von außen.

Ja. Was war das nächste?

Verschwiegen.

Das hat man auch über die Juden gesagt und alle anderen "Parallelgesellschaften".

Sehr arm.

Das ist schon unser Image. Ich glaube, heutzutage gibt es immer mehr arme Leute. Bei Roma ist es nur so, dass man es merkt. Es gibt keine Strukturen, die eine Existenzbasis sichern. Es gibt keine Hilfe vom Staat, es gibt weder militärische, noch finanzielle Macht und man hat keine wirkliche politische Vertretung: Deswegen wird man sehr leicht arm.

Roma und die Vampire
Seite  1  2  3  4»

Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

GrimboldAm 8. Oktober 2011

Hört endlich auf Zigeuner "Roma" zu nennen .

FabianAm 8. Oktober 2011

Wieso lieber Zigeuner statt Roma? Auch lieber Gaul statt Pferd?