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Für *Verliebte

Digitalism – I love you, dude

20. Juni 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
[email protected]

Hannah Seichter

Mit ihrem zweiten Album "I Love You, Dude" liefern Digitalism einen Streifzug durch diverse Tanzloci.

Eine anständige Elektroband braucht keine Horde an Mitgliedern aufzufahren. Zwei Personen reichen dicke.

Dieser Regel fügen sich auch Jens Moelle und "Isi" Tufekci, besser bekannt als Elektro-House-Duo Digitalism. Seine Geburt fällt ins Jahr 2000, die beiden kann man also nicht beschuldigen, sie seien mit ihrem Genre zu spät auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Und ganz nebenbei liefern sie den Beweis, dass auch Deutschland (die beiden kommen aus der Hansestadt Hamburg) anständige House-Duos hervorbringen kann, die den Szene-Größen gewachsen sind.

Digitalisms zweites eigenes Studioalbum hört sich am besten tief in der Nacht. Oder mit zu wenig Schlaf am nächsten Morgen. Dann, wenn das Gehirn breiig, der Kopf etwas dumpf und die Koordinationsfähigkeit eher suboptimal sind, wirken Beats, Samples und Boost ganz hervorragend – wie eine unsichtbare Gehhilfe (nur etwas cooler). Oder sagen wir: Wie die Anzüge von Daft Punk, um auch gleich im selben Genre zu bleiben.

I Love You, Dude ist ein Zug durch die Discopalette. Er fährt los in einem kühlen, bläulich beleuchteten Elektro-Club. Der Opener "Stratosphere" legt klassische Flächensounds und knackige Rhythmen auf die Tanzfläche und zieht langsam, aber sicher auf die Beine. Danach liefern Digitalism einen Grund, weshalb sie nicht nur in Clubs, sondern auch in der Tagesrotation des Radios auftauchen. Zwar toben sie sich überwiegend am typischen Elektro-/ Housemusikerinstrumentarium aus, aber es blitzt auch immer wieder eine Vorliebe für klassischere (Pop-)Songstrukturen auf. Und so passiert anschließend etwas völlig Unerwartetes: "2 Hearts" ist ein Song, wie er nicht besser ins elektrifizierte Pop-Bilderbuch gepasst hätte, Herzschmerz inklusive. Vom Club in die Hipster-Indie-Disco.

Weiter geht es in einen dreckigen, schwärzlichen Schuppen mit einer abstoßend-anziehenden Ästhetik. Die Stimmung ist hemmungslos und aggressiv; "Reeperbahn" ist einer der Höhepunkte auf I Love You, Dude und hat verblüffende Ähnlichkeit mit den klanglichen Eskapaden der britischen Indietronic-Kids Hadouken! oder den etwas eingefleischteren The Prodigy.

Auch hier kratzen die Sounds um Haaresbreite, dafür aber gekonnt, an der Grenze zum geschmacklosen, prolligen Noise vorbei. Die monoton hämmernden Drums und hektischen Schreie tun ihr Übriges, um eine wilde Fahrt zu skizzieren. Aber gerade das ist es ja, was besonders Spaß macht und dem Hörer unweigerlich dieses berühmte starke und zuweilen gar pubertäre Überlegenheitsgefühl verleiht.

In diesen Tracks wird klar, was Digitalism am Besten können: Sich auf Regler konzentrieren. So entbehrt sich die der Kritikpunkt, dass Jens Moelle nicht bessere Gesangskünste liefert als Madonna; Denn das ist gar nicht von Belang. Alles, was sie transportieren müssen, um die Musik zu einer qualitativ hochwertigen zu machen, geschieht mittels Tastatur oder Schaltknöpfen. Da verzeiht man dem Duo auch einen kitschigen Track wie "Just Gazin'", der dem Noise- und Boost- lastigen Tenor der Platte entsagt und seinen adäquaten Platz wohl eher in der Chill-Out-Lounge eines X-beliebigen Kosmetikstudios hat. Die zarte Frauenstimme, die zu einem zarten Gitarrensampel entrückt "I am here/ Watch the sky" haucht, hätte man sich auch sparen können.

Die Stärke Digitalisms ist es, kraftvollen Elektro zu produzieren – Denn er zieht das Duo gekonnt aus der Schlinge, die der Housemusik für gewöhnlich gedreht wird: Der Sound sei zu glatt, sauber und ohne Ecken und Kanten.

Im Produktionsprozess von Digitalism nimmt man den House an die Hand und wirft ihn in einen schäbigen, lauten Musikschuppen. Das Ergebnis ist eine gereiftere, aber dennoch nie zu kratzige Musik; der Sound bleibt perfekt produziert, nur, dass er gewachsen und aufgepumpt anstatt klein und unschuldig geworden ist. Eine ziemlich gute Erfahrung also.

 

Interpret: Digitalism

Albumtitel: I love you, dude

Erscheinungsdatum: 17. Juni 2011

Label: Cooperative Music


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Kommentare

ChristophAm 20. Juni 2011

Großartig! Wir haben in der mal mit einem ähnlichen Sound-Table wie oben im Video experimentiert, das macht echt Spaß. Wie die Musik.

FabianAm 20. Juni 2011

In der was habt ihr das? Ich will übrigens einen Drum-Computer, unbedingt.

ChristophAm 20. Juni 2011

(Uni hat er verschluckt.)

JulianeAm 22. Juni 2011

Zum Auflösen schön!

BrianAm 24. Juni 2011

Wirklich ein sehr elektrifizierendes Album – sofort bei iTunes zugeschlagen! Insbesondere als Hamburger ein Muss: genau die richtige Mischung aus chilligem/eingängigem Pop und berauschendem House/Elektro. Gefällt!

Lukas Am 26. Juni 2011

Just Gazin' ist m.E. eines der besten Stücke des Albums - es hebt sich vom Rest ab und bietet eine kleine Verschnaufpause zwischen den hektischen Beats! Einfach nur träumen!