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Für *Sprachliebhaber

„Die Sprache kann nichts dafür“

15. Juni 2011
Von Anne Kratzer

Anne aus Regensburg ist Autorin bei TONIC

Texte von Anne
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Anne Kratzer

"Wenn sich die Einstellung zur Sache nicht ändert, klingt auch Migrant in zehn Jahren negativ", prophezeit Professor Hermann Scheuringer.

"Wenn sich die Einstellung zur Sache nicht ändert, klingt auch Migrant in zehn Jahren negativ", prophezeit Professor Hermann Scheuringer.

Trotz des Holocausts haben wir kein Problem damit "Juden" zu sagen, warum?

"Jude" ist ein zu großes Wort und betrifft eine zu große Gruppe in dieser Welt, als dass man es schlecht machen könnte. Es ist in der NS-Zeit von den Herrschern schlecht gemacht worden, das liegt an einer alten europäischen Tradition. Aber "Jude" wird auch speziell von der jüdischen Bevölkerung gebraucht, vom jüdischen Staat Israel oder jüdischen Museen. Ich denke nicht, dass "Jude" oder "Muslim" heutzutage negativ behaftet sind, "Zigeuner" schon eher.

Ist Astrid Lindgren rassistisch, wenn sie bei Pippi Langstrumpf vom "Negerkönig" spricht?

Astrid Lindgren kommt aus einer Zeit, in der dieses Wort ganz neutral verwendet wurde. Wir haben im Deutschen ein Problem: Leute, die geschätzt älter als 40 Jahre sind, sagen: "Wir sind so aufgewachsen, dass man Neger neutral verwenden konnte. Wir sehen nicht ein, warum wir es nicht mehr verwenden sollten." Das wird ein ständiges Problem im Sprachwandel bleiben: Dass Ältere nicht akzeptieren, dass Wörter, die sie ganz normal verwenden konnten, jetzt schlecht geworden sind.

Wenn sich die Einstellung nicht ändert, ist "Migrant" in zehn Jahren ein schlechtes Wort.

Ein Ausländer ist eine Person, die sich – wenn auch nur vorübergehend – in einem fremden Land aufhält, ein Migrant eine Spezifizierung des Ausländers, er lebt in einem Land, in dem er nicht geboren ist. Abgesehen davon, dass die Begriffe Verschiedenes bedeuten: Heute benutzen Medien oft den Begriff "Migrant", wo sie früher "Ausländer" gesagt haben. Warum?

"Ausländer" wird politisch tendenziell negativ verwendet. Da ist "Migrant" anscheinend gerade die neutrale, elegante Lösung für Zuwanderer oder Einwanderer. Die Prophezeiung ist aber nicht schwierig: Auch der neue Begriff wird zu 100 Prozent negativ, wenn sich die Einstellung zur Sache nicht ändert. Das ist die allgemeine Erfahrung in der Sprachforschung und im ganzen soziokulturellen Wandel. Wenn man nicht einsieht, dass man Zuwanderung braucht, und weiterhin in Abwehrstellung ist, dann ist Migrant in zehn Jahren ein schlechtes Wort. Und man muss ein neues finden.


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