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Für *Sprachliebhaber

„Die Sprache kann nichts dafür“

15. Juni 2011
Von Anne Kratzer

Anne aus Regensburg ist Autorin bei TONIC

Texte von Anne
autor@tonic-magazin.de

Anne Kratzer

Professor Hermann Scheuringer ist Professor für Deutsche Philologie an der Universität Regensburg.

Professor Hermann Scheuringer ist Professor für Deutsche Philologie an der Universität Regensburg.

Welche Rollen spielen Medien und Politiker, beispielsweise Rechtspopulisten wie Jörg Haider?

Sie benutzen Wörter in einem negativen oder positiven Kontext. Man könnte das Wort "Ausländer" ganz normal verwenden. Es ist ein Begriff, nicht mehr. Aber wenn jemand wie Jörg Haider Ausländer nur im Zusammenhang mit "den Inländern Arbeit wegnehmen" und "Stehlen" verwendet, dann dringt es in die Hirne der Menschen ein. Und ein schlechter Begriff ist geboren.

Wir wollen, dass man uns Zigeuner nennt.

Schwarze nennen sich manchmal "Neger", Türken nennen sich "Kanaken", dabei gilt das doch als Schimpfwort. Wieso machen sie das? Aus Ironie?

Wohl auch. Und irgendwie auch aus Gegenwehr. Ich denke, diese diskriminierten Gruppen wollen auf etwas hinweisen: Das Verwenden des politisch korrekten Wortes hat nichts Gutes für sie gebracht. Sie sagen damit: "Schaut, wir sind so wie immer, wir sind immer noch ausgegrenzt und ihr könnt noch so viele gute Wörter erfinden." Genauso machen das die Roma, viele der Führer dieser Gruppe sagen: "Wir wollen, dass man uns Zigeuner nennt. Wir nennen uns Zigeuner", weil das der althergebrachte Begriff ist. Die denken: "Wir können uns das erlauben, die anderen machen die politische Korrektheit. Die ist von außen bestimmt, deswegen müssen wir die nicht unbedingt gut finden." Man sieht ja auch bei Schwarzen oder Afroamerikanern, dass sich im Grunde nichts geändert hat. Zuerst hat man auch im Deutschen "Neger", im Amerikanischen "Negro" gesagt, dann ist man zu "Black" beziehungsweise "Schwarze" gekommen, dann hieß es "Afroamerican" beziehungsweise "Afroamerikaner". Hat sich etwas geändert in der Einschätzung? Nicht allzu viel. Man ist nur in der Not, dass man einen neuen Begriff findet.

Was hat es mit der "Kanaken Sprak", dem Soziolekt türkischer Migranten in Deutschland auf sich. Ist das auch eine Trotzreaktion?

Wer die "Kanaken Sprak" nutzt, der gebraucht ein paar Wörter, die andere nicht verwenden dürfen, weil es bei denen dann politisch unkorrekt wäre. Kanaken Sprak ist eine Perfektion oder Vergrößerung dieser Geisteshaltung. Dass genau die Sprache, die ja von vielen verspottet wird, dann extra noch einmal ausgebaut wird und genau von der benachteiligten Gruppe verwendet wird.

Astrid Lindgren eine Rassistin?
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