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Für *Weltverbesserer

Das Opfer der Wahrheit

1. Juni 2011
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

Der Obergefreite Bradley Manning bekommt Zugriff auf ein brisantes Video des US-Militärs. Er spielt die Daten Wikileaks zu – und wird zu einem der größten Staatsfeinde Amerikas. Eine Geschichte, an deren Ende Mannings Hinrichtung stehen könnte.

Der Soldat, der sich gegen sein Land gewendet hat

Der Soldat, der sich gegen sein Land gewendet hat

Zwölf Gestalten schlendern über Bagdads Straßen. Der Helikopter fliegt in großer Höhe darüber, aber der US-Soldat ist sicher: Die haben Waffen! Er bittet seinen Chef via Funk um Erlaubnis, das Feuer eröffnen zu dürfen. Und erhält sie. Schnell fallen Schüsse, langsam legt sich der Staub – und zwölf Menschen liegen leblos auf dem Bürgersteig. Die Soldaten freuen sich über ihre Treffer. Das amerikanische Militär muss später eingestehen, dass der US-Soldat im Hubschrauber eine Kamera mit einem Raketenwerfer verwechselt hatte; die getöteten Personen waren unbewaffnet.

Was soll man tun, wenn man selbst Zugang zu einem Video wie diesem hat, aber nicht die Öffentlichkeit? Der im Irak stationierte Obergefreite Bradley Manning ist 22 Jahre alt, als er in diese moralische Zwickmühle gerät. Weil er für ein Aufklärungsbataillon arbeitet, hat er Zugang zu Dokumenten, die sein Arbeitgeber, das US-Militär, als Top Secret einstuft. Manning fasst den Entschluss, sich darüber hinwegzusetzen: Eine Vielzahl von geheimen Dokumenten, darunter auch jenes Video, spielt er im Herbst 2009 der Online-Plattform Wikileaks zu. Doch das FBI kommt ihm bald auf die Spur. Noch im Irak wird Manning verhaftet und kommt in Isolationshaft, zunächst in Kuwait und später in einem Gefängnis in Virginia. Ihm drohen nach dem Rechtsverfahren bis zu 52 Jahre Haft und, seitdem im März 2011 die Anklage um den Punkt "Kollaboration mit dem Feind" erweitert wurde, die Todesstrafe. Bradley Manning misst bloß 1,57 Meter – der buchstäblich kleine Mann ist nun mächtig in Schwierigkeiten.

Dabei war Manning in Grundschultagen geradezu bekannt dafür, keine Schwierigkeiten zu machen. Als "klug und starrsinnig" beschreibt ihn ein alter Lehrer, aber sobald Ärger droht, zieht sich Manning stets aus der Affäre. Allerdings scheut er sich nicht, eigene Standpunkte zu vertreten, darunter auch solche, die im spröden Oklahoma provozieren: So kehrt er bereits früh in seinem Leben der Religion den Rücken zu. Im Pledge of Allegiance, dem an amerikanischen Schulen täglich stattfindenden Treueschwur auf die Nationalflagge, spricht er die Zeile "One nation under god" nicht mit. Als er 13 ist, vollziehen sich einige für sein Leben entscheidende Wandel: Erstens realisiert Manning in diesem Alter, dass er schwul ist; zweitens kommt es in der Ehe seiner Eltern zum Bruch und gemeinsam mit seiner walisischen Mutter zieht er nach Großbritannien.

Der Tag, an dem Wikileaks ins Spiel kommt
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Kommentare

BrianAm 26. Juli 2011

Super Artikel! Sehr lebensnah und bewegend geschrieben!